
Smart City – September 2021
Vom Fundbüro zum Online-Outlet
Statt alle nicht-abgeholten Fundsachen so lange in ihrem Lager zu stapeln, bis irgendwann mal die nächste Auktion ansteht, hat sich die Verwaltung der Stadt Ahaus einen ganz neuen Weg einfallen lassen – und sucht einfach per online Auktion nach einem neuen, glücklichen Eigentümer. Wie die Fundstücke online verkauft werden – und wie jede andere Stadt selbst Online auktionieren kann.
Smart City – September 2021
Vom Fundbüro zum Online-Outlet
Was passiert mit den Dingen, die in einer Stadt verloren gehen? Sie kommen ins Fundbüro! Und weil die meisten Dinge nicht abgeholt werden, bleiben sie dort auch so lange, bis sie irgendwann unter dem Hammer verscherbelt werden.
So lief das bisher auch in Ahaus: Immer mal wieder wurde eine Auktion der Fundsachen organisiert, bei der man zwar keinen wirklichen Erlös gemacht, aber immerhin für ein bisschen Platz im Keller gesorgt hat. Dann kam Corona – und hat dafür gesorgt, dass sich die Ahauser Stadtverwaltung etwas Neues einfallen lassen hat: Statt auf einer einmaligen Veranstaltung, werden alle Fundsachen direkt im städtischen Online-Outlet angeboten. Mit einem unglaublichen Erfolg!
Das Fundstück-Pfund
Über 70 herrenlose Fahrräder wurden nur im Jahr 2020 bei der Ahauser Stadtverwaltung abgegeben – in den zum Lager umfunktionierten Räumen stapeln sich rund 300 Räder. Man kann sich also schon vorstellen, wie viel Platz eigentlich nur für die Lagerung der nicht gewollten Fundsachen in der Mittelstadt verloren geht.
Der erste Lösungsansatz war: Sich eine EDV-Lösung zusammenschrauben zu lassen, die bei der Aufnahme und Verwaltung der Fundstücke über einen PC hilft, dabei technisch aber nur so viel leistet, wie eine Excel-Tabelle.

Philipp Karnebeck aus der Verwaltung sorgt dafür, dass alle Fahrräder so schnell wie möglich einen neuen Besitzer finden
Das hat allerdings nicht das eigentliche Problem gelöst und auch nicht dafür gesorgt, dass die nicht-gewollten Fundstücke grundsätzlich eine bessere Verwendung finden können. Dass das noch nicht die ideale Lösung ist, war den Verantwortlichen der Stadt bereits klar. Die Pandemie hat die wesentlichen Probleme erst so richtig deutlich gemacht. „Durch die Schutzmaßnahmen konnte in diesem und im letzten Jahr keine Auktion stattfinden. Dadurch hat sich deutlich mehr bei uns angestaut.“, verrät Thomas Spieker, CDO der 40.000 Einwohner-Stadt. „Wir haben uns deshalb zusammengesetzt und selbst an einer Lösung gearbeitet, um für das Problem vor allem auch langfristig in den Griff zu bekommen.“

Mindestens einmal pro Woche sorgt das Ordnungsamt für Nachschub im Ahauser Fundbüro
DREI, ZWEI, EINS – chayns!
Mitte August hat die Ahauser Stadtverwaltung dann seine Lösung öffentlich gemacht: Auf Basis von chayns haben die Verantwortlichen der Stadt einfach selbst einen Online-Shop gebaut, über den sie nicht nur jedes Fundstück direkt über das Smartphone einstellen können, sondern auch direkt auktioniert wird. Dieses Prinzip basiert dabei auf dem Modell der „Niederländischen Auktion“: Der Verkäufer gibt einen Kaufpreis vor und senkt diesen so lange, bis sich jemand gefunden hat, der den Artikel genau zu diesem Preis gerne kauft. Die Stadtverwaltung hat dabei einen Satz von einem Prozent pro Woche festgelegt. Heißt: Ein Fahrrad, das heute 150 Euro kostet, kostet in der nächsten nur noch 148,50 Euro – und in der Woche darauf 147,02 Euro.
Das bewirkt nicht nur, dass das System über den Preis automatisch immer einen Käufer findet – sondern sorgt vor allem auch dafür, dass die Menschen die Auktion regelmäßig im Blick behalten.
Nach dem Start ist das Feedback durchweg positiv: „Wir haben knapp die Hälfte der eingestellten Sachen in den ersten 60 Stunden verkauft.“, bilanziert Spieker. „Das beste an der Online-Auktion ist aber vor allem, dass wir auch viele Leute erreichen, die bisher nicht an den „echten Auktionen“ teilgenommen hätten. Über den digitalen Kanal beteiligen wir mehr Bürger an der Auktion, das muss ja auch das Ziel sein.“

Foto machen, Preis einstellen – fertig. Die Online-Auktion ist nicht nur einfacher „organisiert“. Sie sorgt vor allem dafür, dass man schneller mehr Platz hat
Die neue Digital-Auktion hat zwar gerade erst seinen Start markiert – sich aber jetzt schon fest in den Ahauser Hinterköpfen verankert und ist wohl auch der spannendste Online-Shop der ganzen Stadt. Ihr Pulver haben die Verantwortlichen aber noch nicht verschossen – denn nachdem der Start bereits alle Erwartungen übertroffen hat, werden im Laufe der Zeit noch weitere Dinge hinzugefügt: Smartphones, Skateboards, Scooter und alles, was sonst von seinen einstigen Eigentümern nicht mehr vermisst wird.
Über das Projekt
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